Ägypten - Thistlegorm
Der Zweite Weltkrieg hat überall seine Spuren hinterlassen. So auch in der
Seestrasse von Gubal, zwischen Ägypten und der Sinai - Halbinsel. Was 1941
eine Tragödie war, ist heute ein Traumziel für Sporttaucher.
Der Weg ins Verderben
Der 126 Meter lange britische Frachter Thistlegorm lief 1940 in Nordengland vom Stapel. Er wurde von der britischen Armee eingesetzt, um Material für die Truppen in Nordafrika zu transportieren. Im August 1941 brach die Thistlegorni von Glasgow zu ihrer vierten und letzten Reise auf. In den Frachträumen befand sich eine Ladung \Vaffen, Granaten verschiedenen Kalibers, Panzer, Lastwagen, Motorräder und Flugzeugteile. Als Deekfracht wurden zudem zwei Lokomotiven und einige Güterwagen transportiert. Das Material war für die 8. Armee der Royal Army bestimmt, welche eine Grossoffensive gegen das deutsche Afrikakorps unter Generalfeldmarschall Rommel vorbereitete (Operation Crussader). Seit die Deutsche Wehrmacht Kreta eingenommen hatte, war das Mittelmeer fest in der Hand der Achsenmächte. Die Thistlegorm wählte deshalb den vermeintlich sicheren Weg um Afrika herum und weiter durch den Suezkanal. Sie fuhr in einem Konvoi mit zwanzig weiteren Schiffen, geschützt durch das Kriegssehiff HMS Carlisle. Da der Suezkanal wegen einer Kollision zwischen zwei Schiffen gesperrt war, musste der Konvoi östlich der Südspitze der Sinaihalbinsel die Freigabe abwarten. In der Nacht des 6. Oktober 1941, um 01.30 Uhr, entdeckten zwei deutsche Flugzeuge die vor Anker liegenden Schiffe. Die beiden Maschinen, eine davon ein Heinkel He 111-Bomber, mit zwei Spezialbomben zur Sehiffsbekämpfung ausgestattet, waren von Kreta mit dem Auftrag gestartet, den Truppentransporter RMS Queen Mary zu versenken. Da sie diesen nicht finden konnten, entschieden sie sich, die vor Anker liegenden Schiffe anzugreifen. Nachdem sie die Thistlegorm als lohnendes Ziel ausgemacht hatten, griffen sie im Tiefflug an und warfen ihre tödliche Fracht ab. Ob nur eine oder beide Bomben ihr Ziel trafen, ist nicht bekannt. Das Ergebnis war auf jeden Fall vernichtend. Die Thistlegorm wurde auf Höhe des vierten Laderaumes, unmittelbar hinter der Brücke getroffen. Dadurch explodierte ein Teil der Ladung in den Frachträumen. Augenzeugenberichten zufolge erinnerte die hochgehende Leuchtspurmunition an ein Feuerwerk. Das Heck des Schiffes brach durch die Detonationen weg, die Thistlegorm klappte wie ein Schweizer Armeesackmesser zusammen und sank innert kürzester Zeit. Neun der neununddreissig Besatzungsmitglieder wurden getötet.
1956 wurde das Wrack durch den Tauchpionier Jacques-Yves Cousteau während einer Expedition wieder entdeckt. Bei dieser Gelegenheit barg seine Mannschaft auch den Tresor des Kapitäns. Dieser enthielt jedoch lediglich verrottete Schiffspapiere. Danach blieb es für viele Jahre ruhig um das Schiffswrack. Bis 1991 die ersten Sporttaucher in ihre Laderäume vordrangen.
Der erste Tauchgang
Der zweite Tauchgang
Nach einer zweistündigen Pause wollen wir sie noch einmal besuchen. So schnell wie möglich tauchen Markus und ich ab. Wir beginnen diesmal am Bug der Thistlegorm. Von vorne sieht das Wrack im grünlich schimmernden Wasser gigantisch aus. Der Anker auf der Backbordseite ist noch vorhanden, Steuerbord wurde er weggerissen. Entlang des Schiffes tauchen wir Richtung Heck. In einigen Metern Entfernung sind die Umrisse einer Lokomotive erkennbar. Sie wurde vom Schiff veggeschleudert und steht heute ca. dreissig Meter vom Wrack entfernt auf Grund. Zu ihr hinzutauchen ist wegen der Strömungsverhältnisse die zurzeit herrschen lebensgefährlich. Wir wollen noch einmal in die Innenräume. Nur tummeln sich dort mittlerweile so viele Taucher, dass ein grösseres Gedränge als zur Hauptverkehrszeit auf einer stark befahrenen Autobahn herrscht. Wir tauchen weiter zum Heck des Schiffes, wo sich die Schlafräume der Mannschaft befanden. Diese machen aber bei weitem nicht soviel her wie die Laderäume. Nach einer Runde um die Eisenbahnwagen, die auf dem vorderen Teil des Decks noch immer mit Eisenketten festgemacht sind, tauchen wir weiter zur ehemaligen Brücke des Schiffes. Diese ist noch intakt, nur das Dach fehlt. Ein Blick auf die Anzeigen unserer Tauchflaschen zeigt, dass sich die Nadel bereits wieder dem roten Bereich nähert. Nach fünfunddreissig Minuten begeben wir uns zu unserer Sicherheitsleine und wollen mit dem Aufstieg beginnen. Wo bei unserem Abstieg nur eine Leine befestigt war, sind es mittlerweile mehr als zehn. Dass wir die richtige treffen, ist reine Glücksache. Zurück auf dem Boot erwartet uns wieder heisser Tee. Auf der Rückfahrt nach Sharm-el-Sheik wird unter den Tauchern gefachsimpelt und geschwärmt. Dabei stellt sich wieder einmal heraus, dass sich Taucher und Fischer sehr ähnlich sind. Aus kleinen Fischchen werden schnell mal weisse Haie! Der relativ gute Zustand des Wracks, die noch vorhandene Ladung und die Möglichkeit, ins Schiffsinnere zu tauchen, machen die Thistlegorm auf jeden Fall zu einem einzigartigen Erlebnis.
Als wir wieder in den Hafen von Sharm-el-Sheik einlaufen, stehen bereits die Sterne am Himmel, der Vollmond beleuchtet die vor Anker liegenden Schiffe. Bei einem kalten Bier auf der Dachterrasse unseres Hotels lassen wir einen unvergesslichen Tag ausklingen. Zurück bleiben die Gedanken an die Thistlegorni und ihr trauriges Schicksal damals in der Nacht vom 6. Oktober 1941.